Para Ruderin nach Amputation: Mit mehr Schlaf zum großen Ziel

Eine große Kämpferin trotz vieler schmerzhafter Rückschläge: Erst eine schwere Bleivergiftung, dann die Amputation beider Füße im Sommer 2020 – doch Para Ruderin Amalia Sedlmayr träumt von Tokio.

Bildquelle: Amalia Sedlmayr

Amalia Sedlmayr war Triathletin, bis sie eine Bleivergiftung stoppte. Mittlerweile ist sie Para Ruderin und hofft auf die Qualifikation für die Paralympischen Spiele in Tokio. Die Amputation beider Füße vor einem halben Jahr erschwert ihr großes Ziel – lässt sie aber endlich ruhig schlafen.

Ende Juli 2020 hatte sich Amalia Sedlmayr beide Beine amputieren lassen, seit Anfang des Jahres ist die Para Ruderin wieder auf dem Wasser – inzwischen auch mit Prothesen. „Dafür, dass wir erst damit angefangen haben, läuft‘s schon gut“, sagt die 29-Jährige, die für den RTHC Bayer Leverkusen startet. „Es ist nicht mehr so schmerzhaft, aber ein paar Anpassungen sind noch notwendig.“ Weil der Prothesenfuß kein bewegliches Fußgelenk hat, müssen die Hebelkräfte so verlagert werden, dass sie ans Stemmbrett abgegeben werden – daran arbeitet Sedlmayr momentan mit ihrem Trainer Ralf Müller und dem Prothesenmeister.

Drei Mal die Woche trainiert sie auf der Regattabahn am Fühlinger See in Köln, dazu kommen je zwei Mal Kraft- und Stabilisations-Training. Am liebsten wäre Sedlmayr schon wieder öfters auf dem Wasser, schließlich sind ihr großes Ziel die Paralympics Ende August in Tokio. Da sie allerdings noch mehrmals die Woche Gehschultraining hat und die Belastung für die Stümpfe zu hoch wäre, kann die Wasserzeit noch nicht erhöht werden, schließlich sei „alles ja noch recht frisch“.

Ein Dekofisch vergiftete ihren Körper mit Blei
Sedlmayr war lange Schwimmerin, dann Triathletin und studierte in Heidelberg Übersetzungswissenschaften. Im Dezember 2013 fing ihr Körper nach und nach an abzubauen, schmerzte und machte nicht mehr, was sie wollte. Zudem wurde Sedlmayr, die auch Portugiesisch, Spanisch und Englisch fließend spricht, vergesslich und hatte Schwierigkeiten mit der Sprache, weil ihr Wortschatz zusammenschrumpfte. Doch die Ärzte fanden nichts und Sedlmayr musste sich einige Fehldiagnosen anhören. 2015 konnte sie nur noch zehn Meter am Rollator gehen und galt als austherapiert: „Sie hatten mich aufgegeben.“

Erst als ihr Blut 2016 auf Schwermetalle untersucht wurde, gab es Gewissheit: Sedlmayr hat eine schwere chronische Bleivergiftung – schon drei Jahre lang. Verursacht durch einen Dekofisch aus Metall, den sie auf einem Flohmarkt für ihre Studentenbude gekauft und in ihre Wasserkaraffe gelegt hatte, weil ein Fisch ja ins Wasser gehört. Doch der Dekofisch gab Blei ab und Sedlmayr trank das Wasser, Tag für Tag. Als die Diagnose endlich raus war, fing die Entgiftungskur an – doch Sedlmayr brauchte bis 2018, um sich wieder „klar im Kopf“ zu fühlen.

Neuanfang im Sport und Studium in Köln
Statt Übersetzungswissenschaften studiert sie jetzt an der Deutschen Sporthochschule in Köln Sport und Leistung und hat auch einen neuen Sport gefunden: Para Rudern. In ihrem Sanitätshaus lernte sie Paralympics-Sieger und Weitsprung-Weltrekordhalter Markus Rehm kennen: „Er meinte zu mir, dass er einen Freund hat, der noch eine Frau für den Ruder-Vierer sucht, und ob ich das ausprobieren möchte.“ Sedlmayr wollte schon immer mal rudern und war auf Anhieb erfolgreich: Nach nur vier Monaten im Ruderboot wurde sie 2019 bei der WM in Linz im Doppelzweier Dritte im B-Finale und verpasste die Tokio-Qualifikation „mit Erkältung und Sehnenscheidenentzündung“ nur knapp. Das Ziel wurde klarer: Sedlmayr möchte es unbedingt nach Japan schaffen und richtete alles darauf aus.

Doch die Folgen der Bleivergiftung sind nicht weg. Um leistungsfähiger zu sein, hielt Sedlmayr ihre Schmerzmedikation bewusst niedrig – doch ihre Füße schmerzten weiter dauerhaft und unerträglich. An Schlaf war kaum zu denken, ihr Körper zeigte ihr, dass es so nicht weiterginge. Da die Paralympics pandemiebedingt um ein Jahr verschoben wurden, entschied sich Sedlmayr zusammen mit ihren Ärzten, beide Unterschenkel zu amputieren. Was ursprünglich nach den Spielen angedacht war, wurde nun vorgezogen – mit dem Ziel, mobiler zu werden und nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen zu sein. „Wenn ich dann noch eine Schmerzreduktion erreiche, wäre das ein Sechser im Lotto“, sagte Sedlmayr vor der OP – und ging davor mit Freundinnen und Freunden auf die Kartbahn, um ihren „Bleifuß“, wie sie selbst sagte, noch mal unter Beweis zu stellen.

Nach der Amputation: Zwei Schritte vor und einen zurück
Die ersten zwei, drei Monate nach der Operation konnte Sedlmayr nur wenig machen, es wurde auch zur Herausforderung, sie schmerztherapeutisch neu einzustellen. Nachdem sie anfänglich schon auf Prothesen gehen konnte, kam es bei der vierten Anprobe der Prothesen zu einer Nervenverletzung mit schwerem Verlauf und einem Ausfall von neun Wochen. Vier Stürze auf die Wunde sowie eine Sehnenentzündung in den Stümpfen sorgten für weitere sechs Wochen Füße hochlegen. „Es war ein relativ komplizierter Verlauf, ich habe im wahrsten Sinne des Wortes zwei Schritte vor und einen zurück gemacht“, sagt Sedlmayr, die in dieser schwierigen Zeit weiter kämpfte: „Ich war darauf vorbereitet, dass nicht alles optimal läuft, aber ich habe mir immer gesagt, alles wird gut! Es ist es schon gut, doch es wird bestimmt noch besser!“

Mittlerweile kann Sedlmayr die Frage, ob die Operation richtig war, eindeutig bejahen, wenngleich das keine einfache Entscheidung war. „Die engsten Freunde und die Leute, die mich sehr gut kennen, die mich im Leben begleitet haben, die haben das direkt begriffen. Sie sahen, wie groß meine Schmerzen ich hatte und dass ich leide, nicht mehr kann und fix und fertig bin“, sagt Sedlmayr: „Nur Leute, die das ganze Leid durch die Füße nicht mitbekommen haben, wollten mich eines Besseren belehren.“ Heute scheint sich der Sechser im Lotto allen Zweifeln und Schwierigkeiten zum Trotz bewahrheitet zu haben: Sedlmayr hat weniger Schmerzen, ihr Gangbild ist runder und sie ist erholter, weil sie nach sechs Jahren erstmals mehr als drei Stunden schlafen konnte. „Als ich an dem Morgen nach acht Stunden Schlaf aufgewacht bin, dachte ich: Das ist nicht dein Ernst – allein für die Nacht hat sich das auf jeden Fall gelohnt“, sagt Sedlmayr lachend.

Ein gutes Abschneiden in Tokio ist das größte Ziel
Selbst wenn es wie momentan kalt ist, fällt ihr die Motivation fürs Rudern nicht schwer. „Das ist ja wie Joggen auf dem Wasser, da wird einem warm. Fies wird es nur, wenn Wind dazukommt, der ist nicht mein Freund. Doch das muss man alles lernen.“ Generell hat sie mit Para Rudern einen weiteren Sport gefunden, der ihr Spaß macht: „Rudern fasziniert mich, da es viel Präzision und Fingerspitzengefühl, aber ebenso auch Kraft und Ausdauer erfordert. Ich bin eine kleine Perfektionistin und liebe es, an der frischen Luft durch das direkte Feedback des Wassers an meiner Technik zu feilen.“

Die nächsten Meilensteine, die sie sich zusammen mit Doppelzweier-Partner Leopold Reimann sportlich gesetzt hat, sind die Europameisterschaften in Varese im April und die Paralympics-Qualifikation in Gavirate im Mai – dann sollen mit einem der ersten beiden Plätze die Tickets für Tokio gebucht werden: „Dank der super Zusammenarbeit meiner Trainer, Ärzte, Physios und meinem Prothesenmeister sowie der Unterstützung des Olympiastützpunkt Rheinland und der Sportstiftung NRW steht mir ein starkes Team zur Seite. Wir geben zusammen alles, um gesund das Beste aus mir rauszuholen.“ Für die Qualifikation ist Sedlmayr daher optimistisch und blickt schon weiter: „Wenn wir uns qualifizieren, möchte ich nicht nur teilnehmen, sondern auch eine gute Platzierung in Tokio. Zu wissen, dass ich mein Bestmögliches gegeben habe und mich gut platziert habe, das ist mein größtes Ziel.“

Mehr Informationen zu den Athleten*innen des Team Deutschland Paralympics gibt es hier.  

Quelle: Nico Feißt