Profisportler starten durch – mit IHK-Ausbildung

In Russland kämpfen diesen Monat Fußballer vieler Nationen um die Weltmeisterschaft. Die meisten von ihnen müssen sich um ihre berufliche Existenz keine Sorgen machen – auch wenn der Pokal ein Traum bleibt und die Karriere früh endet. Berufssportler, die ihr Geld nicht im internationalen Spitzenfußballverdienen, sorgen jedoch vor – zum Beispiel mit einer dualen Ausbildung. Und ihre Lehrbetriebe wissen, was sie an ihnen haben.

Beruf und Sport passen gut zusammen – geht es doch bei beidem um Leistung. Dass es immer wieder Firmen sind, die Mitarbeitern eine Karriere als Spitzensportler ermöglichen, wird leicht übersehen. Viele Beispiele belegen, dass diese leistungsorientierten Kollegen ein Gewinn für die Belegschaft sind. Sie sind effizient, fokussiert, ziel- und teamorientiert. So etwa Daniel Rebmann. Schon als Sechsjähriger kommt er zum Handball. Dem Sport zuliebe verlässt der Torhüter von Frisch Auf! Göppingen nach der zehnten Klasse das Gymnasium und wird Profi unterm Hohenstaufen mit Doppelspielrecht in Herrenberg und später in Horkheim in der dritten Liga. 2013 beginnt der Mann mit den schnellen Reflexen im väterlichen Betrieb die Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann. „Mein Vater hat mich die drei Jahre für das Morgentraining um 9:30 Uhr freigestellt, “sagt Rebmann, der im gleichnamigen Fliesengroßhandel in Echterdingen beschäftigt war. Rebmann Fliesen betreibt einen Laden in Mannheim, importiert Fliesen aus Italien und stattet zum Beispiel alle Hugo-Boss-Stores weltweit mit Kacheln aus. Von Kollegen weiß der Torhüter, dass deren Chefs ähnlich kulant sind, um ihnen den sportlichen Erfolg zu ermöglichen. Auch mit seiner Klassenlehrerin an der Berufsschule in Nürtingen hatte Rebmann einen Deal: Gelegentlich unterrichtete sie ihn exklusiv und ließ ihn Arbeiten nachschreiben, um ihm die Teilnahme an Auswärtsspielen oder Training im Nationalkader zu ermöglichen. Und um Lernzeit zu sparen, nahm er hochkonzentriert am Unterricht teil, wovon die Gesamtnote 2,1 beim Abschluss 2016 zeugt. Sein Fazit: „Ich bin den Lehrern ,meinen Trainern und meinem Vater für ihr Verständnis sehr dankbar.“ Nicole Müller hatte ihre sportliche Laufbahn in der rhythmischen Sportgymnastik schon hinter sich, als sie 2015 bei der Gesellschaft für Technische Überwachung mbH (GTÜ) in Stuttgart eine Ausbildung zur Industriekauffrau begann, die sie diesen Januar mit Lehrzeitverkürzung abgeschlossen hat und seither in der Buchhaltung arbeitet. Als Fünfjährige hatte die jüngste von drei Geschwistern mit rhytmischer Sportgymnastik begonnen, mit 15 wechselte sie ans Bundesleistungszentrum mit Sportinternat in Fellbach-Schmiden und machte dort 2015 das Fachabitur. In der neunköpfigen Nationalmannschaft war die gebürtige Hamburgerin ab 2011 dauerhaft im sechsköpfigen Kader, aus dem je fünf Sportlerinnen synchron antreten. 2012 nahm Nicole Müller an den olympischen Spielen in London teil und belegte miti hrem Team Rang zehn von zwölf Mannschaften. Fünf bis zehn Stunden Training sechs Tage die Woche waren für die 23-Jährige fünf Jahre lang die Norm. „Bei mir war 2015 einfach die Luft raus, weil ich alles erreicht hatte, was ich mir erträumt hatte“, sagt die Ex-Spitzensportlerin. Vor allem anfangs habe sie Heimweh nach der Familie in Hamburg „und dem familiären Verein“ gehabt. In schwierigen Zeiten habe ihr die Gruppe der Mädchen Halt gegeben, „die ich doch nicht im Stich lassen kann.“ Geholfen habe auch das Persönlichkeitstraining mit einem Team-Psychologen. „Damals habe ich gelernt, dass es lohnt, eigene Interessen zurückzustellen, um als Team ein besseres Ergebnis für alle zu erzielen“, sagt die GTÜ Buchhalterin, die heute die Rechnungen freier Kfz-Sachverständiger bundesweit prüft und kontiert. Krisen kennt auch Niko Kappel. Der Goldmedaillen-Gewinner von 2016 bei den Paralympics im Kugelstoßen in Rio dachte 2013/14 ans Aufhören, weil er keinen Trainingsfortschritt mehr erkannte. Als 14-Jähriger hatte der 1,40 Meter kleine Mann
beschlossen, an Paralympics teilnehmen zu wollen. Da hatte er sich bereits beim TSF Welzheim im Fußball gegen die größer Gewachsenen durchgesetzt. Nun recherchierte er, dass er nur mit Kugel(vier Kilogramm) oder Speerbei Olympia antreten könne -und begann mit dem Training.

Ausbildung ging vor – da war der Weltrekord erst einmal weg 

Seit 2014 arbeitet Peter Salzer, Landestrainer im Kugelstoßen am Olympiastützpunkt Stuttgart, mit Kappel, der 2016 zum VfL Sindelfingen wechselte. Parallel absolviert der kleinwüchsige Mann bei der Volksbank Welzheim die Ausbildung zum Bankkaufmann, wo er 2015 in der Frmenkundenbetreuung beginnt. 2017 reduziert der Spitzensportler auf 40 Prozent, um mehr trainieren und regenerieren zu können. Denn seinen Weltrekord, den er 2017 mit 13,81 Meter erzielt hatte, hat mittlerweile ein Pole mit 13,97 Metern gebrochen. „Bei der Paralympics EM 2018 will ich den Titel holen und 2020 bei den Paralympics in Tokio antreten,“ sagt Kappel, der mit dem Wechsel vom VfL zum Olympiastützpunkt Stuttgart seinerzeit den Grundstein für seine Goldmedaille legte, weil er dort seine Technik veränderte. Seit 2014 sitzt der Behindertensportler der Jahre 2016 und 2017, der bei der Wahl des Bundespräsidenten der Bundesversammlung angehörte, für die CDU auch im Welzheimer Gemeinderat.

Zu Beruf und Sport auch noch politisches Engagement 

Seit diesem Jahr ist der 23-Jährige bei seinem Arbeitgeber freigestellt, um sich auf seine sportlichen und gesellschaftlichen Aufgaben zu konzentrieren, zu denen auch etliche TV-Auftritte und Vorträge gehören. Mehrere Sponsoren ermöglichen dem sympathischen Kraftpaket, das täglich vier Stunden trainiert, diese Selbstständigkeit. „Bisher hatte ich zum Beispiel zu wenig auf aktive Regenerationsphasen geachtet, die ich mir jetzt endlich gönnen kann“, sagt der Sohn eines Fußballtrainers und einer Tennislehrerin, der als erster Paralympionike die Kugel über 14 Meter stoßen will. Stefan Heil aus Bad Aibling ist im zweiten Ausbildungsjahr zum Medientechnologen Siebdruck im vergangenen September nach Stuttgart gewechselt, um am selben Olympiastützpunkt trainieren zu können. Laufbahnberater Herbert Wursthorn hatte ihm eine Lehrstelle bei der Eichner & Rombold GmbH in Fellbach-Oeffingen vermittelt, wo er nahtlos ins zweite Lehrjahr einsteigen konnte. Der 18-jährige BMX-Profi hatte2005 mit der Sportart begonnen, weil seine Eltern gegenüber einer Rennstrecke wohnten. Drei Jahre fuhr der Realschüler, der seit 2009 eine Bundesliga Lizenz hat und seither an internationalen Rennen teilnimmt, in der Bayernliga. 

Nicole Müller (li.) war im deutschen Kader der rhythmischen Sportgymnastik bei den Olympischen Spielen in London. Nach dem Ende ihrer Sportkarriere lernte die 23-Jährige Industriekauffrau bei der GTÜ in Stuttgart – unter der Obhut von  Ausbildungsleiterin Sandra Daniel (re.). Foto: Annette Cardinale

Aus den vielen, auch internationalen Wochenend-Rennen und Trainingslagern kannte der Oberbayer bereits viele Stuttgarter, so dass ihm der Wechsel leicht fiel. Und nachdem er 2015 mit sieben Siegen aus neun Rennen Bester unter rund 50 Fahrern wurde, war sein Talent unbestritten. Sein Chef Heiko Bodamer ermöglicht ihm nun die zehn Trainingseinheiten pro Woche, die zwei bis vier Stunden dauern. Auch die 30 Renntage pro Jahr, die je aus Vor- und Hauptlaufbestehen, und im Einzelfall das Wochenende verlängern. „Faktisch fehlt er die Hälfte der Zeit“, sagt Bodamer über seinen Azubi, „aber die Leistungen im Beruf und in der Schule stimmen. “Als Lieferant hatte der 51-Jährige den Olympiastützpunkt kennengelernt, wurde Fördermitglied und Sponsor. Der Kaufmann über sein Engagement mit dem Azubi: „Wenn Sie sehen, was dort geleistet wird und was für tolle Leute da sind, müssen Sie sich einfach engagieren.“ In seiner 18-köpfigen Belegschaft gebe es zwar gelegentlich Murren über Heils „Privilegien“, die aber seien klar verhandelt.

„Er fehlt zwar die Hälfte der Zeit – aber die Leistungen stimmen“ 

So muss der Azubi Montag, Dienstag und Donnerstag erst um 10 Uhr in der Firma oder Berufsschule sein, um ab 7:30 Uhr sein Morgentraining absolvieren zu können. Und nachmittags darf er ab 15 Uhr zum Training. Das ist mit Bodamer und Schule so besprochen. „Meine berufliche Qualifikation muss ich eben in kürzerer Zeit erwerben und nachweisen,“ so der 18-Jährige, der oft noch ab 21 Uhr über Büchern und Referaten sitzt. Sein Chef: „Würde Stefan Absprachen nicht einhalten, würde ich ihm die Teilnahme an einem Rennen verbieten. Da wäre schnell wieder Ruhe im Karton.“ Doch Sanktionen sind überflüssig. Im Gegenteil. Auch in der Firma verbreite der Sportprofi mit seiner Einstellung eine gut eEnergie. Versäumte Unterrichtsstunden holt er meist in den Schulpausen nach und Tests bekommt sein Trainer per E-Mail als pdf-Dateien. Diese druckt er dann aus, der Athlet schreibt die Klausur unter seiner Aufsicht in dessen Büro und das Ergebnis erhält die Schule per Post. „Wir machen das auch bei Trainingslagern und Wettkämpfen im Ausland so,“ sagt Heil, der sich aktuell für Olympia qualifiziert und Ende März in Paris im Weltcup fuhr.

Für eine Freundin bleibt bei alldem keine Zeit 

„Ich will weltweit unter rund 1.000 Fahrern aus 100 Ländern unter die Top Ten und bei Olympia eine Medaille holen“, so der 18-Jährige, der deshalb sehr viel unterwegs ist. Und im Beruf hofft der BMX-Profi, dass sein Chef ihn nach der Ausbildung übernimmt. Dann soll irgendwann mal die Meisterprüfung folgen. Zeit für eine Freundin hat der Azubi wenig: „Es käme auf die Freundin an, ob sie meinen Zirkus mitmacht.“ Die Eltern gaben jedenfalls ihr Einverständnis „in den Zirkus“ nur, wenn darunter die Ausbildung nicht leide.

In der dritten Liga werden Gehälter von 2.000 bis 5.000 Euro gezahlt 

Bei Felice Vecchione war es umgekehrt. Der gebürtige Waiblinger machte zwar die mittlere Reife und die Fachhochschulreife, ansonsten ordnete der Sohn italienischer Einwanderer aber alles einer Karriere als Fußball-Profi unter. Dabei kam der mittlerweile 27-Jährige ziemlich weit: Von 2009 bis 2013 spielte Vecchione beim VfB in der dritten Liga, immer in der Hoffnung, den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen. 2013 folgte der Wechsel zum damaligen Regionalligisten und späteren Drittliga Aufsteiger SG Sonnenhof Großaspach. Weil dort noch aus der Regionalliga die Philosophie mitgenommen wurde, dass jeder Profi bei Spielergehältern von 2000 bis 5000 Euro pro Monat einen bürgerlichen Beruf erlernt oder ausführt, nahm der Neuzugang einen kaufmännischen Mini-Job im Büro an. 2016 mündete diese Beschäftigung in eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement beim Hotel Sonnenhof.
Berufsausbildung in Teilzeit schafft Freiraum „Wir machen in allen Ausbildungsberufen mit den Profis nur gute Erfahrungen“, sagt Hotelchef Michael Ferber. Sein Haus ist Partner und Sponsor des Clubs, da habe er ein Interesse, dass beide Bereiche gut laufen. Mit dem Aufstieg in die dritte Liga sei das Konzept der dualen Ausbildung schwieriger geworden, aber noch immer machbar, zumal die Berufsausbildung in Teilzeit erfolge. So fehle Vecchione zwar rund ein Fünftel seiner Bürozeit, doch diese sei zeitlich variabel gestaltbar. „Ich hatte insgesamt drei schwere Verletzungen und große Operationen an Kreuzband und Schulter: Mein Körper wollte offenbar nicht, dass ich erste Liga spiele“, sagt Vecchione heute und fügt hinzu: „Ehrgeiz ist auch in dieser Ausbildung hilfreich.“ Und die verletzungsbedingten Trainingspausen seien günstig für das Lernen und die Weiterbildung gewesen. Ohnehin läuft im Sommer sein Vertrag aus. Da ist der sympathische Mittelfeldspieler dankbar, eine Perspektive und bleibende Aufgabe zu haben. In der Oberliga will er weiter am Ball bleiben. Aber im Vergleich zur Bundesliga sei das dann stressfrei. Mit dem Scheitern seines großen Traums, dem er so viel untergeordnet hat, hat sich der 27-Jährige arrangiert: „Ich habe vor 30000 Fans in Rostock, Dresden oder Magdeburg gespielt. Das kann mir keiner mehr nehmen und ich bereue nichts.“

In Großaspach muss jeder Fußballspieler einen Beruf lernen

SG-Präsidiumsmitglied Philipp Mergenthaler bestätigt den Grundsatz, dass bei Sonnenhof Großaspach jeder Spieler mit der normalen Berufs-und Arbeitswelt in Kontakt bleibt oder ein duales Studium macht. Nach dem Aufstieg sei das ein Kraftakt gewesen, weil zuvor nie Training vor 16 Uhr war. „Im Profi-Fußball ist das extrem happig“, sagt der 37-Jährige. Aber die zweigleisige Strategie erde die Spieler und forme ihren Charakter. Auch sieht er die Verantwortung für die Spieler, die in der dritten Liga nach der Profi-Karriere längst nicht ausgesorgt haben.
Viele Sponsoren und andere Betriebe in der Region stimmen ihr Ausbildungskonzept im Einzelfall mit dem Verein ab. Beispielsweise gibt es mit Porsche eine Kooperation, die Bewerbertrainings oder Einladungen zu Azubi-Tagen enthält, was besonders für die Jugendspieler interessant ist. „Wir sind sehr dankbar für diesen und viele andere tolle Partner, das bringt die jungen Sportler weiter und passt zu 100 Prozent zu unserer Philosophie“, sagt Mergenthaler. Das Konzept greift offenbar so gut, dass es nicht nur bei den Eigengewächsen funktioniert, sondern auch bei Spielern, die - verletzungsbedingt oder mangels Spielanteilen im alten Club - von renommierten Adressen mit fünfstelligen Monatsgehältern zum Dorfklub wechseln. Wenn dann die Kollegen in der Kabine ständig aus ihrem Berufsleben erzählten, fingen auch die Neuzugänge bald mit Praktika, Mini-Jobs und Ausbildungen an, so Mergenthaler. Spannend und hilfreich ist zudem, wenn die Spieler Bewerbungen schreiben und von Ausbildern und HR-Managern Rückmeldungen bekommen. Mergenthaler ist überzeugt: Sport und Berufswelt müssen sich viel mehr durchdringen. Sie eröffnen damit Einblicke in die jeweils andere Welt, so dass beide voneinander profitieren.

Betriebe stimmen Ausbildungskonzept mit dem Verein ab

Bei den Basketballern der BHP Riesen in Ludwigsburg ist Ausbildung dagegen kein Thema. Die Spieler hätten ihre Verträge und der Rest interessiere den Erstligisten nicht, heißt es aus der Pressestelle. Die meisten kämen ohnehin aus dem Ausland und kehrten nach einiger Zeit wieder dorthin zurück. Dabei sei der Kader so jung, dass alle noch wenigstens zehn Jahre spielten. Allerdings sind die Jahresgehälter der Ludwigsburger Basketballprofis von denen der Spitzenfußballer immer noch weit entfernt – sie liegen zwischen 30.000 und 150.000 Euro.

Quelle: Magazin Wirtschaft IHK Region Stuttgart, Ausgabe 06/2018

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